Die Fortsetzung der Geschichte

LEBENSGESCHICHTEN

Ich sah Sabine an und fragte ruhig, was genau diese Bemerkung über die Wohnung bedeutenarticle title image sollte. Wahrscheinlich hatte sie gehofft, sich irgendwie herauszureden. Vielleicht dachte sie, ich würde so tun, als hätte ich nichts gehört. Aber dafür war es zu spät. Ihr Gesicht wurde angespannt. Sie begann zu erklären, dass ihre Freundin nur einen unglücklichen Scherz gemacht habe. Dann meinte sie, ich hätte das alles falsch verstanden. Kurz darauf wurde sie wütend. Und wenn jemand so schnell von Rechtfertigungen zu Ärger übergeht, bedeutet das meist nur eines – es gibt nichts mehr zu sagen. Schweigend startete ich den Motor und fuhr in Richtung Stadtzentrum. Sabine versuchte die ganze Fahrt über, das Thema zu wechseln. Aber ich hatte das Ganze bereits durchschaut. Plötzlich ergab alles einen Sinn. Die seltsamen Fragen zur Wohnung. Das Interesse am Auto. Die Gespräche darüber, ob ich allein lebe. Die ständigen Fragen nach meinem Einkommen. Sogar die Fotos, die sie während des Schreibens sehen wollte. Damals dachte ich, sie sei nur neugierig. Jetzt verstand ich, dass es eine Prüfung war. Eine ganz normale Vermögensprüfung. Nicht von mir. Von meinem Besitz. Als wir wieder beim Restaurant ankamen, hielt ich an. Sabine schwieg. Schließlich fragte sie, ob ich mich nochmal melden würde. Ich sah sie an und sagte zum ersten Mal an diesem Abend ganz ehrlich, dass ich gekommen war, um eine Frau kennenzulernen – nicht, um inventarisiert zu werden.

Dann stieg ich aus und schloss die Tür. Damit war unser Kennenlernen beendet. Das dachte ich zumindest. Aber ich irrte mich. Das Interessanteste kam erst später. Ein paar Tage später rief mich ein unbekannter Mann an. Er hatte meine Nummer über die Dating-Website gefunden. Zuerst dachte ich, es wäre ein Irrtum. Doch schon nach wenigen Minuten war mir klar, dass dieses Gespräch ungewöhnlich werden würde. Der Mann fragte, ob ich Sabine kenne. Dann nannte er den Nachnamen ihrer Freundin. Und schließlich erzählte er eine Geschichte, bei der mir fast der Mund offen stehen blieb. Ich war keineswegs der Erste. In den letzten Jahren waren Dutzende Männer in diese Masche geraten. Einige wurden einfach für teure Restaurants und Geschenke benutzt. Andere sollten in Kredite hineingezogen werden. Wieder andere wurden nach Informationen über Eigentum und Ersparnisse ausgefragt. Einige verloren sogar beträchtliche Summen. Der Mann war der ehemalige Verlobte eben jener Freundin. Darum hatte er angefangen, Informationen zu sammeln. Er hatte zu spät erkannt, mit wem er es zu tun hatte. Aber er konnte noch andere warnen. Auch mich. Nach dem Gespräch saß ich lange zu Hause und dachte nach. Am meisten überraschten mich nicht die Frauen selbst. Menschen sind verschieden.

Mich überraschte etwas anderes: Wie leicht ein Erwachsener aufhören kann, im anderen Menschen einen Menschen zu sehen. Für sie waren Männer keine Menschen. Keine Persönlichkeiten. Keine potenziellen Partner. Nur eine Sammlung von Zahlen. Wohnung. Auto. Einkommen. Ersparnisse. Wenn die Zahlen passten – konnte man den Kontakt fortsetzen. Wenn nicht – lohnte sich die Mühe nicht. Ein paar Monate später spielte mir das Schicksal einen Streich. Ich lernte eine Frau in der Schlange am Bahnhof kennen. Ohne Dating-Website. Ohne Profile. Ohne Filter. Ohne zehn Jahre alte Fotos. Wir kamen einfach ins Gespräch. Dann tranken wir einen Kaffee. Dann tauschten wir Nummern aus. Und an diesem ersten Abend fragte sie nicht einmal, wie viele Zimmer meine Wohnung hat. Sie interessierte sich nicht für den Wert meines Autos. Erkundigte sich nicht nach der Höhe meines Einkommens. Aber sie fragte mich, welche Bücher ich gerne lese und warum ich immer noch über alte deutsche Komödien lache. Da verstand ich etwas ganz Einfaches. Wenn sich jemand für dich interessiert – fragt er nach dir. Wenn sich jemand für dein Geld interessiert – fragt er nach allem anderen. Sabine und ich haben uns nie wieder getroffen. Und ehrlich gesagt habe ich das auch nie bereut. Denn das erste Date sollte helfen, einen Menschen kennenzulernen – nicht den Wert seines Eigentums. Und was hättest du an meiner Stelle getan? Hättest du den Kontakt sofort abgebrochen oder Sabine eine zweite Chance gegeben? Schreib deine Meinung in die Kommentare.

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