Ich habe einen halben Tag am Herd gestanden, um mir dieses Gejammer anzuhören?
Dann friss doch vom Boden, du Feinschmecker.

— Na los… Geh auf…
Das leise, trockene Klicken des Türschlosses klang in der hallenden Stille der Wohnung wie der Schuss einer Startpistole.
Natalja, die am Herd stand, zuckte unwillkürlich zusammen und richtete instinktiv den Rücken auf.
Das war ein Reflex, der sich über Jahre eingeprägt hatte — wie bei einem Soldaten, der das Herannahen eines Generals hört.
Sie ließ den Blick schnell durch die Küche schweifen: kein Krümel auf der Arbeitsplatte, das Handtuch hing perfekt gerade, die vernickelten Schrankgriffe glänzten spiegelblank.
Alles musste makellos sein.
Sonst würde der Abend verdorben sein, noch bevor er begonnen hatte.
Sie wischte sich die vor Aufregung feuchten Hände an der Schürze ab und lauschte.
Im Flur war es still.
Sergej grüßte nie zuerst, wenn er nach Hause kam.
Er hielt das für ein unnötiges Ritual, schließlich wusste sie ohnehin, dass er gekommen war.
Man hörte nur das Rascheln der ausgezogenen Jacke, das Klirren der Schlüssel, die in die Schale auf der Kommode geworfen wurden, und einen schweren, prüfenden Seufzer.
— Natascha, hast du meine Hausschuhe schon wieder umgestellt? — klang seine Stimme aus dem Flur.
Sie war nicht laut, nein.
Sergej schrie selten sofort.
Er sprach in diesem besonderen, müden Ton, bei dem sich in Natalja alles zu einem eisigen Knoten zusammenzog.
Im Ton eines Menschen, der gezwungen ist, mit einem hoffnungslos dummen Wesen zu leben.
— Nein, Seryoscha, sie stehen genau dort, wo sie immer stehen, — antwortete sie und bemühte sich, fröhlich und freundlich zu klingen.
— Rechts neben dem Schrank.
Pause.
Schlurfende Schritte.
— Hm.
Dann hast du sie schief hingestellt.
Ich wäre fast gestolpert.
Ist es wirklich so schwer, Schuhe parallel zur Wand zu stellen?
Geometrie, dritte Klasse, Natascha.
Er betrat die Küche.
Groß, gepflegt, in einem perfekt gebügelten Anzug, den sie erst heute Morgen vierzig Minuten lang gedämpft hatte.
Sein Blick glitt über sie hinweg, ohne im Gesicht zu verweilen, und wanderte sofort zum gedeckten Tisch.
Natalja hielt den Atem an.
Die Servietten lagen perfekt, das Besteck glänzte, das Weinglas war so poliert, dass man es kaum sehen konnte.
— Ist das Essen fertig? — fragte er und ging zum Waschbecken, um das Wasser aufzudrehen.
— Ja, natürlich.
Rindfleisch nach Burgunder Art, wie du es wolltest.
Und Püree.
Sergej wusch sich lange und gründlich die Hände und betrachtete sich dabei im Spiegel des dunklen Fensters.
Natalja hantierte währenddessen am Herd und versuchte, sich geräuschlos zu bewegen.
Der Duft des geschmorten Fleisches mit Wein und Kräutern, der ihr noch vor fünf Minuten göttlich erschienen war, verursachte jetzt Übelkeit vor Nervosität.
Was, wenn es zu salzig war?
Was, wenn das Fleisch zäh war?
Was, wenn die Soße nicht dick genug war?
In ihrem Kopf drehte sich eine endlose Liste von „Was wäre, wenn“, aus denen ihr Leben in den letzten fünf Jahren bestanden hatte.
Ihr Mann setzte sich an den Tisch, legte die Serviette auf die Knie und sah erwartungsvoll auf den leeren Teller.
Natalja stellte hastig das dampfende Gericht vor ihn.
Sie versuchte, dass alles wie im Restaurant aussah: ein ordentlicher Hügel luftigen Pürees, daneben saftige Fleischstücke in einer dunkelroten, glänzenden Soße, dekoriert mit einem Zweig frischen Thymians.
— Sieht… erträglich aus, — murmelte Sergej und nahm die Gabel in die Hand.
— Hoffentlich schmeckt es besser als letztes Mal, als du es geschafft hast, das Hähnchen in der Soße auszutrocknen.
— Ich habe mir Mühe gegeben, Seryoscha.
Drei Stunden bei niedriger Hitze geschmort.
— Mühe gegeben… — spottete er, ohne aufzusehen.
— Das Ergebnis zählt, Natascha, nicht deine Mühe.
In der Geschäftswelt bezahlt man keine Mühe, und in der Familie auch nicht.
Er stach ein Stück Fleisch auf, hielt es an die Nase und roch demonstrativ daran.
Sein Gesicht verzog sich, als hätte er nicht französische Küche gerochen, sondern den Geruch von fauligem Fisch.
— Rosmarin? — er hob den Blick.
— Nur ein bisschen, für das Aroma…
Im Rezept stand…
— Ich habe dich gebeten, dieses Kraut zu vergessen.
Es riecht nach Medizin.
Wie oft muss ich das wiederholen, damit dein Gehirn diese einfache Information versteht?
Einmal?
Zweimal?
Zehnmal?
Oder soll ich dir die Anweisung auf die Stirn schreiben?
Natalja spürte, wie ihr ein Kloß in den Hals stieg.
— Entschuldige, ich dachte…
— Du hast gedacht, — unterbrach er sie mit einem sarkastischen Lächeln.
— Das ist dein Hauptproblem.
Du denkst, wo du einfach nur die Wünsche deines Mannes ausführen solltest.
Na gut, egal.
Hoffentlich hast du wenigstens die Beilage nicht verdorben.
Er stach mit der Gabel ins Kartoffelpüree.
Seine Bewegungen waren scharf, raubtierhaft.
Er strich langsam mit den Zinken durch die weiße Masse, als suche er darin verstecktes Gift.
Plötzlich hielt seine Hand inne.
Er hob mit der Gabel ein winziges, kaum sichtbares Stück unzerdrückter Kartoffel hoch, als wäre es ein Beweisstück im Gericht.
In der Küche entstand eine klingende Stille.
Natalja hörte den Kühlschrank brummen und ihr eigenes Herz rasen.
— Was ist das? — fragte Sergej leise.
Seine Stimme wurde gefährlich weich.
— Kartoffel… — flüsterte sie.
— Ich sehe, dass es kein Ziegelstein ist.
Ich frage, warum in einem Püree, das die Konsistenz von Creme haben sollte, Stücke schwimmen.
— Seryoscha, das ist doch hausgemachtes Essen, vielleicht hat der Mixer ein Stück nicht erwischt…
Das ist doch eine Kleinigkeit…
Sergej ließ die Gabel mit einem Knall auf den Teller fallen.
Das Geräusch ließ Natalja zusammenzucken.
— Kleinigkeit?! — seine Stimme wurde lauter, verwandelte sich in das eisige Kreischen, das sie am meisten fürchtete.
— Unser ganzes Leben besteht aus Kleinigkeiten, Natascha!
Schmutzige Schuhe — eine Kleinigkeit?
Ein zerknittertes Hemd — eine Kleinigkeit?
Klümpchen im Essen — eine Kleinigkeit?
Aus diesen Kleinigkeiten entsteht die Einstellung!
Du bist einfach faul!
Du sitzt zu Hause, hast jede Menge Zeit, und kannst nicht einmal ein einfaches Püree ohne Klümpchen machen!
Ich habe dir Geräte gekauft, ich gebe dir Geld für Lebensmittel, ich verlange nur eines — normalen Komfort!
Er schob den Teller angewidert weg.
— Ich werde das nicht essen.
Räum es weg.
— Seryoscha, aber das Fleisch ist lecker, probier doch… — begann sie verzweifelt.
— Ich habe gesagt — weg damit! — brüllte er und sah ihr mit unverhohlenem Hass direkt in die Augen.
— Mir wird schlecht von deinem Essen.
Schlecht von deiner Nachlässigkeit.
Du bist zu nichts fähig.
Ein Niemand.
Selbst eine Haushaltshilfe wäre besser als du.
Die würde wenigstens für ihr Geld arbeiten, und du parasitierst nur.
Natalja stand wie erstarrt da.
Die Worte fielen wie schwere Steine auf sie und nagelten sie am Boden fest.
„Ein Niemand.“
„Parasit.“
„Zu nichts fähig.“
Sie sah ihren Mann an — diesen gepflegten, satten Menschen, der glaubte, sie wegen eines winzigen Kartoffelstücks zerstören zu dürfen.
Tief in ihr, irgendwo unter Schichten aus Angst und Gewohnheit, alles zu ertragen, regte sich plötzlich etwas Heißes und Zorniges.
Es war ein neues Gefühl.
Es brannte in ihrer Brust und verlangte nach einem Ausweg.
— Na, warum stehst du noch da? — winkte Sergej verächtlich ab und starrte wieder auf sein Handy.
— Räum ab.
Und mach mir Tee.
Aber nicht so wie gestern, sondern richtig.
Und ein Sandwich.
Kannst du wenigstens Brot gerade schneiden?
Natalja trat langsam an den Tisch.
Ihre Finger berührten den Rand des schweren Tellers mit dem „Rindfleisch nach Burgunder Art“.
Sie spürte die Wärme der Keramik, spürte das Gewicht des Essens, das sie mit so viel Liebe und Angst zubereitet hatte.
Sie sah auf den Scheitel ihres Mannes, der sie nicht einmal eines Blickes würdigte, so sicher war er sich seiner absoluten Macht.
Die Geduldsschale war nicht einfach nur übergelaufen.
Sie war zerbrochen.
Natalja holte tief und krampfhaft Luft und sog den abgestandenen Geruch von erkaltendem Fleisch und scharfem Männerparfüm ein.
Die Welt um sie herum erstarrte für einen Augenblick und verwandelte sich in ein surreales Standbild: der über das Telefon gebeugte Kopf ihres Mannes, der Glanz seiner geschniegelt wirkenden Haare, ein einsamer Tropfen Soße am Tellerrand.
In ihrem Inneren schien eine Stahlsaite zu reißen, die jahrelang immer weiter gespannt worden war.
Das Geräusch dieses Bruchs betäubte sie und übertönte das Summen des Kühlschranks und das Rauschen des Blutes in ihren Ohren.
Sie plante diese Bewegung nicht.
Ihr Körper reagierte von selbst, aus reinen tierischen Instinkten heraus, schneller als jeder vernünftige Gedanke.
Die Hände, die daran gewöhnt waren, klaglos schwere Einkaufstaschen zu tragen und Böden bis zum Glanz zu schrubben, füllten sich plötzlich mit einer fremden, federnden, beängstigenden Kraft.
Natalja machte einen scharfen Schritt nach vorn und schleuderte mit voller Wucht, als würde sie einen Eimer eiskalter Jauche ausschütten, den Inhalt des schweren Keramiktellers direkt in Sergejs Gesicht und auf seine Brust.
Das schwere Geschirr schlug dumpf gegen sein Schlüsselbein, zerbrach aber nicht sofort, sondern sprang ab, krachte erst auf den Tisch und dann auf den Boden, wo es schließlich in große, scharfe Scherben zersprang.
Die Zeit setzte sich wieder in Bewegung, doch nun in einem rasenden, zerrissenen Rhythmus.
Sergej heulte auf und sprang vom Stuhl hoch, als wäre er mit kochendem Wasser übergossen worden.
Das teure Smartphone flog ihm aus der Hand und rutschte klappernd irgendwo unter die Heizung.
Die dicke Weinsauce — eben jene, über deren Konsistenz sie drei Stunden lang gewacht hatte — floss langsam wie zähe Lava über sein Gesicht und tropfte von Nase und Kinn.
Saftige Stücke des zarten Rindfleisches klebten an seinem schneeweißen Hemd und hinterließen auf dem teuren italienischen Stoff fettige, hässliche Flecken, die wie frische Wunden aussahen.
Das Kartoffelpüree, genau das mit den „unverzeihlichen Klümpchen“, rutschte als blasse Masse an seinem Jackenaufschlag hinunter und setzte sich in den Knopflöchern fest.
— Was tust du da, du Idiotin?! — schrie er, während er sich hektisch abschüttelte und mit den Armen ruderte wie eine Windmühle.
In seinen Augen, sonst kühl und hochmütig, stand absoluter, tierischer Schock, vermischt mit Ekel.
Er starrte auf sein ruiniertes Hemd, auf seine gepflegten Hände, die nun mit Essen verschmiert waren, und konnte die Wirklichkeit des Geschehens nicht fassen.
— Bist du völlig verrückt geworden?
Das ist doch Brioni!
Hast du überhaupt eine Ahnung, was die Reinigung kostet?!
Du wirst dafür bezahlen!
Natalja stand ihm gegenüber und atmete schwer.
Ihre Brust hob und senkte sich, ihre Nasenflügel bebten.
Zum ersten Mal in fünf Jahren Ehe sah sie ihn nicht von unten an wie ein geprügelter Hund, sondern direkt und durchbohrte ihn mit ihrem Blick.
Die Angst war verschwunden.
Sie war vom Napalm einer reinen, konzentrierten Wut weggebrannt worden.
— Reinigung? — wiederholte sie mit heiserer, tiefer Stimme, in der Wahnsinn brodelte.
— Dich kümmern nur deine Lumpen, ja?
Lumpen sind dir wichtiger als ein Mensch?
— Hast du deine Tage oder was?
Hat dir das PMS den Kopf vernebelt, tanzen die Hormone? — versuchte Sergej, die Kontrolle über die Situation zurückzugewinnen und verfiel wieder in seinen gewohnten herablassenden Ton, obwohl das mit einem Stück Fleisch am Ohr erbärmlich und grotesk wirkte.
— Geh dich waschen, nimm eine Beruhigungstablette und räum sofort, hörst du, sofort hier alles auf!
Ich werde, ausnahmsweise, so tun, als wäre das nicht passiert, wenn du jetzt sofort auf die Knie gehst und anfängst aufzusammeln…
Weiter kam er nicht.
Natalja, ohne den Blick von ihm abzuwenden, in dem blanke Raserei schwappte, griff nach dem riesigen Fünfliter-Topf mit Rassolnik, den sie für morgen gekocht hatte.
Sie spürte das Gewicht des heißen Metalls nicht, ihre Finger krallten sich wie Zangen um die Griffe.
Mit einer Bewegung riss sie den Deckel herunter — er rollte klirrend über die Fliesen — und kippte den Topf mit voller Wucht direkt vor die Füße ihres Mannes, sodass auch seine teure Hose getroffen wurde.
Ein Strom aus fettiger, kräftiger Brühe mit eingelegten Gurken, Karotten und Graupen ergoss sich auf den Boden und verwandelte die makellos saubere Küche augenblicklich in eine rutschige, dampfende Sauerei.
Spritzer flogen an die Wände, an die Küchenmöbel und auf Sergej selbst.
Er sprang überrascht zurück, doch die Sohlen seiner Schuhe verloren den Halt.
Er rutschte auf der Suppenlache aus, ruderte lächerlich mit den Armen und konnte sich nur mit Mühe am Esstisch festklammern.
— Du bist krank!
Eine Psychopathin! — kreischte er und starrte entsetzt auf seine durchnässten Socken und die Hose, an der gekochte Graupen klebten.
— Ich rufe einen Krankenwagen!
Du gehörst in die Klapse, du bist gesellschaftlich gefährlich!
Natalja trat direkt durch die Suppenlache auf ihn zu.
Die Flüssigkeit schmatzte ekelhaft unter ihren Hausschuhen, doch es war ihr egal.
Sie ging auf ihn zu wie ein Panzer und drängte ihn in die Ecke.
Ihr Gesicht war vor Wut verzerrt, ihre Lippen zitterten, aber nicht vom Weinen, sondern von dem Verlangen, alles auszusprechen, was sich über Jahre angesammelt hatte.
— Wenn deine Mami so eine großartige Köchin ist, dann geh doch zu ihr und leb bei ihr!
Ich habe einen halben Tag am Herd gestanden, um mir dieses Gejammer anzuhören?
Dann friss doch vom Boden, du missratener Feinschmecker!
Pack deine Sachen und kriech zurück unter Mamas Rock!
Sergej war fassungslos.
Er hatte seine Frau noch nie die Stimme erheben hören.
Er war es gewohnt, sie still, gehorsam und schuldbewusst zu sehen.
Doch jetzt stand vor ihm eine Furie, bereit, alles zu vernichten.
Er wollte einen Schritt zurück machen, doch mit dem Rücken stieß er bereits gegen den Kühlschrank.
— Natascha, beruhige dich…
Du bist nicht bei dir… — murmelte er und wischte sich mit dem Ärmel durchs Gesicht, wodurch er die Soße nur noch mehr verschmierte.
— Wir reden, wenn du…
— Wir haben nichts zu bereden! — brüllte sie.
Natalja griff nach dem schmutzigen Küchentuch auf dem Tisch und schlug ihm damit mit voller Kraft ins Gesicht.
Der nasse Stoff klatschte gegen seine Wange und hinterließ eine rote Spur.
— Raus hier! — sie packte ihn an den Revers seines Jacketts und achtete nicht darauf, dass sie sich selbst mit Püree und Fett beschmierte.
— Ich habe gesagt — raus!
Ich werde mir dein Gerede von deinen „Standards“ nicht mehr anhören!
Ich bin nicht deine Dienstmagd!
Sergej versuchte, sie wegzustoßen, doch seine Hände glitten über die fettige Kleidung.
— Wag es nicht, mich anzufassen! — fauchte er.
— Das wirst du bereuen!
Du wirst auf Knien angekrochen kommen und um Verzeihung betteln, wenn du ohne einen einzigen Cent dastehst!
Wer braucht dich schon, du alte Hysterikerin?
Diese Worte waren der letzte Tropfen.
Natalja stieß ihn mit aller Kraft, zu der eine Frau im Zustand des Affekts fähig ist, gegen die Brust.
Sergej rutschte erneut auf den verstreuten Graupen aus, seine Beine glitten auseinander, und er wäre mit einem Krachen gestürzt, wenn die Wand ihn nicht gehalten hätte.
Er rutschte buchstäblich am Kühlschrank herunter und hinterließ auf dem weißen Lack einen fettigen Streifen von seinem Jackett.
— Steh auf und verschwinde! — Natalja packte ihn am Kragen wie einen ertappten Kater und zog ihn hoch.
Der Stoff riss knirschend.
— Ich will dich nicht mehr sehen!
Ich will dein Gesicht nicht mehr sehen, ich will deine Stimme nicht mehr hören!
Du hast mir mit deiner Nörgelei das ganze Leben vergiftet!
Sie drängte ihn aus der Küche hinaus.
Sergej, der jeden Rest seiner Eleganz verloren hatte, voller Flecken und Erniedrigung, versuchte sich zu wehren, klammerte sich an die Türrahmen, doch der Boden war zu rutschig und die Wut seiner Frau zu unbändig.
— Dafür wirst du bezahlen! — schrie er, während sie ihn in den Rücken schob.
— Ich mache dich fertig!
Du wirst auf der Straße leben!
— Ist mir egal! — rief Natalja und stieß ihn mit voller Kraft in den Flur.
— Lieber auf der Straße als mit so einem Bastard wie dir!
Sie taumelten aus der Küche in den engen Flur.
Hier war es dunkel und eng.
Natalja ließ ihm keine Zeit, sich zu fangen.
Sie war kein Opfer mehr.
In ihrem Kopf herrschte ein klingendes Vakuum und nur ein einziges Ziel — diesen Menschen aus ihrem Raum zu entfernen.
Sofort.
Genau jetzt.
Zusammen mit dem Dreck, den er in ihrer Seele hinterlassen hatte.
Sergej versuchte, ihr gegen die Hände zu schlagen, um sich zu befreien, doch Natalja wich aus und trat mit voller Wucht gegen seinen Schuh, der im Flur stand.
Der Schuh flog gegen die Wand und hinterließ einen schmutzigen Fleck auf der Tapete.
— Verschwinde! — knurrte sie, während sie ihn weiter zur Wohnungstür schob.
Der Streit war längst keine bloße Auseinandersetzung mehr.
Es war ein Vernichtungskrieg.
In dem engen Flur, in den sie als ein einziges, schwer atmendes Knäuel geraten waren, roch es nicht nach Gemütlichkeit, sondern nach altem Schweiß und abkühlender Rassolnik-Suppe auf Kleidung.
Sergej, der das Gleichgewicht verloren hatte, versuchte, sich an der Kommode festzuhalten, doch seine Hände, fettig von Suppe und Soße, glitten hilflos über die lackierte Oberfläche.
Er erinnerte an einen an Land geworfenen Fisch — glitschig, nach Luft schnappend, mit vor Empörung aufgerissenen Augen.
— Halt!
Bleib stehen, habe ich gesagt! — brüllte er, bemüht, das Dröhnen des Blutes in seinen Ohren zu übertönen.
— Du machst mir jetzt noch den Mantel kaputt, du Idiotin!
Lass mich wenigstens richtig Schuhe anziehen!
Natalja hörte nicht zu.
In ihrem Kopf schlug eine Glocke, die jede Stimme der Vernunft übertönte.
Sie handelte wie ein gnadenloser Mechanismus zur Entsorgung von Abfall.
Sie riss seinen sandfarbenen Kaschmirmantel von der Garderobe — seinen Stolz, gekauft im Schlussverkauf in Mailand — und reichte ihn ihm nicht, sondern schleuderte ihn als zusammengeknüllten Ball direkt in sein Gesicht.
Der schwere Wollstoff, zu einem Klumpen zusammengeballt, fiel ihm über den Kopf und desorientierte ihn für einen Moment.
— Zieh dich draußen im Treppenhaus an! — brüllte sie und griff nach seinen Schuhen.
Es waren teure Brogues, die er jeden Abend mit Spezialcreme polierte.
Natalja packte sie mit gehässigem Vergnügen nicht an den Fersen, sondern vorne an den Spitzen und zerdrückte das Leder, bevor sie sie mit voller Kraft zur Wohnungstür schleuderte.
Ein Schuh prallte dumpf gegen das Metallblatt, der andere sprang von der Wand ab und fiel in eine schmutzige Ecke.
— Hast du völlig den Verstand verloren?! — Sergej riss sich den Mantel vom Kopf.
Sein Gesicht war rot und vor Wut verzerrt.
Auf seiner Wange zeichnete sich bereits ein blauer Fleck vom Schlag mit dem Handtuch ab, und an seinem Ohrläppchen klebte ein Stück gekochte Karotte.
— Ich gehe nirgendwo in diesem Zustand hin!
Ich rufe die Polizei!
Ich verklage dich wegen Sachbeschädigung!
Für jeden Faden wirst du bezahlen!
Er machte einen Schritt auf sie zu, offenbar, um sie an den Armen zu packen und zu schütteln und sie in den gewohnten Zustand der Unterwürfigkeit zurückzuzwingen.
Doch Natalja erschrak nicht, sondern trat ihm entgegen.
Sie war einen Kopf kleiner als er, wirkte jetzt aber riesig, als würde sie den ganzen Raum ausfüllen.
— Bezahlen wirst du! — spuckte sie ihm entgegen.
— Für fünf Jahre meiner Sklaverei!
Für jedes Mal, wenn du über mein Essen die Nase gerümpft hast!
Für jede Träne, die ich im Bad vergossen habe, während du geschnarcht hast!
Sie stemmte beide Hände gegen seine Brust.
Ihre Hände glitten über das von Brühe nasse Hemd, doch sie packte fester zu und krallte sich direkt durch den Stoff in seinen Körper.
Der Ruck war so stark, dass Sergej ins Taumeln geriet und mehrere lächerliche Schritte zurück machen musste, wobei er über die verstreuten Schuhe stolperte.
— Natascha, hör auf mit diesem Zirkus! — kreischte er, als er spürte, wie sein Rücken gegen die kalte Wohnungstür stieß.
— Die Nachbarn hören uns!
Was für eine Schande!
Beruhige dich sofort!
— Die Nachbarn sind mir egal! — schrie sie und drängte mit ihrem ganzen Gewicht gegen ihn.
— Sollen sie es hören!
Sollen alle wissen, was für ein Nichts du bist!
Du verdammter Feinschmecker!
Du Sofa-Kritiker!
Sie streckte die Hand nach dem Schloss aus.
Ihre Finger zitterten, doch sie schob den Riegel in einer Sekunde zurück.
Das Klicken des Metalls klang wie ein Urteil.
Natalja riss die Tür auf.
Kalte, feuchte Luft vom Treppenhaus strömte herein und mischte sich mit dem Geruch des Küchenchaos.
— Raus! — befahl sie und zeigte auf den grauen Betonboden des Hausflurs.
Sergej stemmte die Hände gegen den Türrahmen und versuchte, den Durchgang zu blockieren.
Seine teuren Socken waren von der Suppe nass, die Hose klebte an seinen Beinen, und er sah erbärmlich aus.
Doch sein Hochmut war nicht verschwunden.
— Ich gehe nicht raus, — presste er zwischen den Zähnen hervor und versuchte, seiner Stimme wieder Autorität zu geben.
— Du hast nicht das Recht, mich rauszuwerfen.
Diese Wohnung gehört mir genauso wie dir.
Ich bin hier gemeldet.
Mach die Tür zu und geh den Boden wischen, bevor ich…
Weiter kam er nicht.
Natalja sah seine gespreizten Arme, mit denen er den Ausgang blockierte, und diskutierte nicht.
Sie trat ihm einfach mit dem Fuß gegen das Schienbein.
Der Schlag traf den Knochen hart und schmerzhaft.
Sergej stöhnte auf, beugte sich reflexartig vor und griff nach dem verletzten Bein, wobei er den Halt verlor.
Das genügte.
Natalja stieß ihn mit voller Kraft gegen die Schulter.
Er verlor das Gleichgewicht und fiel kopfüber auf den Treppenabsatz hinaus, nur knapp davor, mit der Nase über den Beton zu schrammen.
— Dort kannst du deine Rechte einklagen! — rief sie ihm nach.
Sergej lag ausgestreckt auf dem schmutzigen Boden des Treppenhauses.
Seine Ellbogen knallten schmerzhaft gegen die Fliesen.
Er hob den Kopf, fassungslos und gedemütigt, und konnte noch immer nicht glauben, dass man ihn, einen erfolgreichen Manager der mittleren Ebene, einen Kenner gehobener Küche, gerade wie einen unartigen Kater aus dem Haus geworfen hatte.
Natalja ließ ihm keine Zeit, sich zu sammeln.
Sie griff vom Boden nach seinen Schuhen und warf sie mit voller Wucht in den Flur hinaus.
Ein Schuh traf ihn am Oberschenkel, der andere flog vorbei und polterte eine Etage tiefer die Treppe hinunter.
— He!
Was machst du da?! — schrie er und versuchte aufzustehen, doch auf den glitschigen Sockensohlen rutschten seine Füße auseinander.
Als Nächstes flog der Mantel hinaus.
Er landete als formloser Haufen direkt in einer Pfütze, die von den Stiefeln irgendeines Nachbarn vor dessen Tür zusammengetragen worden war.
Natalja rannte zurück in die Wohnung zur Garderobe.
Sie griff nach allem, was ihr in die Hände fiel: seinem Schal, dem Stockschirm, der Sporttasche, die er für das Fitnessstudio gepackt hatte.
— Nimm es mit! — schleuderte sie die Sachen eine nach der anderen hinaus, ohne darauf zu achten, wohin sie fielen.
Die Tasche schlug ihm gegen die Knie, der Schirm krachte daneben zu Boden.
— Du kranke Schlampe! — brüllte Sergej, der endlich wieder auf den Beinen war.
Er stand mitten auf dem Treppenabsatz, zerzaust, schmutzig, mit nur einem Socke am Fuß, während die andere halb heruntergerutscht war, und umgeben von verstreuten Sachen.
— Ich werde dir dein Leben zur Hölle machen!
Du verreckst noch unter irgendeinem Zaun!
Mach sofort auf!
Ich muss mich waschen und umziehen!
Natalja stand im Türrahmen und hielt die Türklinke fest.
Ihre Brust ging heftig auf und ab.
Sie sah ihn mit so tiefem und ehrlichem Ekel an, als stünde vor ihr ein Haufen Mist.
— Zu Mama, Seryoscha, zu Mama, — sagte sie leise, aber so, dass das Echo durchs ganze Treppenhaus ging.
— Soll sie dich waschen, soll sie dich mit ihrem göttlichen Borschtsch füttern.
Hier ist das Restaurant geschlossen.
Für immer.
Grundreinigungstag.
— Lass mich rein! — er machte einen Satz zur Tür, sein Gesicht verzerrt vor Wut.
— Mein Laptop ist noch drin!
Meine Dokumente sind noch drin!
— Dokumente? — wiederholte Natalja.
In ihren Augen blitzte ein teuflisches Feuer auf.
— Ach ja, die Dokumente…
Für einen Augenblick verschwand sie in der Wohnung und ließ die Tür einen Spalt offen.
Sergej, der seine Chance witterte, machte einen Satz nach vorn, um den Fuß in den Türspalt zu stellen, doch er rutschte über seine eigene Tasche aus und fiel wieder auf die Knie.
Natalja kam einen Augenblick später zurück.
In den Händen hielt sie seine Ledertasche und die Spielkonsole, die er mehr liebte als seine Frau.
— Fang, du Feinschmecker! — rief sie.
Die Tasche flog in seine Richtung und sprang unterwegs auf.
Papiere verteilten sich wie ein weißer Fächer über das Treppenhaus und sanken langsam auf die schmutzigen Stufen herab.
Direkt danach flog die Konsole.
Sergej sah mit Entsetzen zu, wie das schwarze Plastikgehäuse einen Bogen durch die Luft beschrieb.
Er versuchte, sie mit ausgestreckten Armen wie ein Torwart zu fangen, verfehlte sie jedoch.
Die Konsole krachte mit einem trockenen Geräusch auf den Betonboden und zerbrach in Stücke, sodass grüne Leiterplatten sichtbar wurden.
— Nein! — hauchte er und starrte auf die Überreste seines Lieblingsspielzeugs.
— Du… du…
— Ich, — nickte Natalja.
— Ich bin die unfähige Hausfrau.
Ich bin die Hysterikerin.
Ich bin niemand.
Und jetzt, mein Lieber, genieße die Freiheit.
Geh und such dir eine, die dir dein Fleisch richtig brät.
Sie machte einen Schritt zurück in die Wärme der Wohnung.
— Und die Schlüssel, — fiel ihr plötzlich ein.
— Gib die Schlüssel zurück.
Oder ich lasse in einer Stunde die Schlösser austauschen, einen Handwerker suche ich schon im Internet.
Sergej, der zwischen Papieren und Trümmern kniete, hob den Blick voller Hass zu ihr.
— Dafür wirst du bezahlen, — zischte er.
— Du wirst es bereuen.
— Bereut habe ich es schon, — schnitt Natalja ihm das Wort ab.
— Ich bereue, dass ich fünf Jahre an so einen selbstverliebten Truthahn verschwendet habe.
Sie schlug die Tür mit voller Kraft zu.
Der schwere metallische Schlag schnitt sie von ihm ab, von seinem Geschrei, von seinen Ansprüchen.
Zum ersten Mal an diesem Abend spürte sie nicht Wut, sondern eine gewaltige, alles verschlingende Erleichterung.
Doch es war noch nicht vorbei.
Hinter der Tür war immer noch Bewegung zu hören, und sie wusste, dass er nicht so einfach gehen würde.
Hinter der Tür tobte noch eine Zeit lang ein Sturm.
Sergej trat gegen das Metall, spuckte Drohungen aus, kündigte an, Polizei, Katastrophenschutz und sogar seine Anwälte zu rufen, die ihr, wie er behauptete, nicht einen Groschen übrig lassen würden.
Doch Natalja stand mit dem Rücken gegen die kalte Stahltür gelehnt und hörte sich diese Schreie mit erstaunlicher Ruhe an.
Jetzt, da eine sichere Barriere zwischen ihnen stand, hatte seine Stimme ihre magische Macht verloren.
Sie löste kein Zittern mehr in ihr aus.
Sie klang dumpf, jämmerlich und kraftlos und erinnerte an das Bellen eines Nachbarshündchens, das man auf dem Balkon ausgesperrt hatte.
— Natascha!
Mach auf, hörst du?!
Ich muss noch mein Handyladegerät holen! — in seine Stimme mischten sich weinerliche Töne.
Die Wut wich der Erkenntnis alltäglichen Unbehagens.
Natalja drehte schweigend den Nachtverschluss zu.
Das Klicken war leise, aber endgültig.
Zehn Minuten später wurde es still hinter der Tür.
Man hörte das Geräusch des gerufenen Aufzugs, das melodische Klingeln der angekommenen Kabine und die schweren, schlurfenden Schritte eines Menschen, dessen Tag so gar nicht nach Plan verlaufen war.
Als die Aufzugstüren sich schlossen, legte sich Stille über die Wohnung.
Doch es war nicht jene gespannte, klingende Stille, die in den letzten Jahren hier geherrscht hatte, in Erwartung des Missfallens des Hausherrn.
Nein, das war die Stille des Friedens.
Der Leere, die man mit allem füllen konnte.
Natalja ließ sich langsam an der Tür hinunter auf den Boden gleiten.
Ihre Beine zitterten — das Adrenalin, das sie die letzte halbe Stunde getragen hatte, ließ nach und hinterließ bleierne Müdigkeit.
Sie saß im Flur, in häuslicher Kleidung, bespritzt mit Fett und Soße, und starrte auf ihre Hände.
Sie zitterten noch immer, doch es war das Zittern der Befreiung.
„Was habe ich getan?“ — schoss es ihr durch den Kopf.
Die Angst vor der Zukunft, vor dem Unbekannten, vor der Einsamkeit versuchte, wieder den Kopf zu heben.
Doch Natalja drängte sie sofort mit einer einfachen und klaren Erkenntnis zurück: schlimmer, als es war, konnte es nicht mehr werden.
Sie stand auf und ging in die Küche.
Das Schlachtfeld sah trostlos aus.
Der Boden war mit klebriger Brühe bedeckt, unter dem Tisch lagen Scherben des Tellers, und auf dem weißen Kühlschrank trocknete ein kunstvoller Fettstreifen von Sergejs Rücken, der daran heruntergerutscht war.
— Na gut, — sagte sie laut zu ihrem Spiegelbild im dunklen Fenster.
— Dann eben Grundreinigungstag.
Sie ließ heißes Wasser in einen Eimer, goss großzügig Zitronenreiniger hinein und begann zu putzen.
Normalerweise war das Wischen der Böden für sie eine Pflicht, eine Prüfung, die sie vor einem strengen Kontrolleur mit „sehr gut“ bestehen musste.
Jetzt verwandelte sich diese Tätigkeit in ein Reinigungsritual.
Mit jeder Bewegung des Lappens, mit jedem Liter schmutzigen Wassers, den sie in den Eimer wrang, wusch sie nicht bloß Suppe und Soße aus ihrem Leben.
Sie wusch seine Nörgeleien weg, sein ewig unzufriedenes Gesicht, seine giftigen Bemerkungen über „unperfekte Ecken“ und „Klümpchen“.
Sie schrubbte den Boden mit Verbissenheit, bis es quietschte.
Als der letzte Fetttropfen verschwunden war und die Scherben im Mülleimer lagen, strahlte die Küche.
Doch jetzt strahlte sie für sie selbst.
Ihr Magen knurrte verräterisch.
Natalja erinnerte sich, dass sie seit dem Morgen keinen Bissen im Mund gehabt hatte — sie war vor dem Abendessen so nervös gewesen, dass ihr nichts die Kehle hinunterging.
Ihr Blick fiel auf den Topf, in dem noch gut die Hälfte eben jenes „Rindfleischs nach Burgunder Art“ war, das sie ihrem Mann nicht mehr hatte auftun können.
Natalja nahm eine einfache tiefe Schüssel, schöpfte sich mit der Kelle das dicke, aromatische Ragout hinein und setzte sich an den Tisch.
Einfach so, ohne Servietten, ohne perfekt ausgerichtetes Besteck, mit einem unter sich gezogenen Bein — eine Haltung, die Sergej verabscheute und „dörflich“ nannte.
Sie hob ein Stück Fleisch mit der Gabel auf, reichlich mit dunkler Soße überzogen, und steckte es in den Mund.
Der Geschmack war hervorragend.
Das Rindfleisch zerging auf der Zunge und zerfiel in Fasern.
Die Soße war reich und tief mit einer kräftigen Weinnote.
Und der Rosmarin…
Genau jener Rosmarin, wegen dem der Streit ausgebrochen war.
Er roch nicht nach Medizin.
Er roch nach Tannennadeln, nach Süden, nach Wärme und Gewürzen.
Er war perfekt.
Natalja kaute, und Tränen liefen über ihre Wangen.
Es waren keine Tränen aus Kummer oder Reue.
Es waren Tränen bitterer Kränkung um die Frau, die sie in sich in den letzten fünf Jahren systematisch getötet hatte.
Um jene Natascha, die einmal gern in der Küche experimentierte, lachte und zum Radio tanzte, statt strammzustehen und auf ein strenges Urteil zu warten.
Das Fleisch war großartig.
Zart, saftig, faserig zerfallend, mit tiefem, sattem Geschmack.
Der Rosmarin, den Sergej mit solchem Pathos „Medizin“ genannt hatte, gab dem Gericht genau jene feine, harzige Note, die dem faden Leben ihrer „perfekten“ Familie so gefehlt hatte.
Die Soße war nicht bitter, das Gemüse nicht verkocht.
Alles war genau richtig.
— Es ist doch lecker, — flüsterte sie in die hallende Leere der Küche und wischte sich mit dem Handrücken eine nasse Wange ab.
— Es ist lecker, du bemitleidenswerter Idiot.
Sie aß gierig, Stück für Stück, und tunkte Brot direkt in die Soße — etwas, das ihr Mann stets „Schweinerei“ genannt hatte.
Mit jedem Bissen wuchs in ihr die Gewissheit: Das Problem war nicht das Essen.
Das Problem waren nicht die Klümpchen im Püree und nicht der Gargrad des Steaks.
Das Problem war der Mensch, der sich selbst erhob, indem er sie in den Dreck trat.
Als sie aufgegessen hatte, schenkte sie sich ein Glas desselben Rotweins ein, den sie zum Kochen benutzt hatte.
Sergej hatte ihr verboten, „technischen“ Wein zu trinken und behauptet, für Gläser sei nur Sammlerwein da, und dies hier sei „Gesöff für Marinade“.
Doch der Wein erwies sich als herb, dicht und lebendig.
Er wärmte und vertrieb die Kälte, die sich in ihrer Seele eingenistet hatte.
Plötzlich erwachte das Handy auf dem Tisch zum Leben und vibrierte so heftig, dass die Gabel gegen den Rand der leeren Schüssel klirrte.
Der Bildschirm leuchtete auf und zeigte das Foto ihrer Schwiegermutter — Ljudmila Petrowna.
Der Frau, die diesen „Feinschmecker“ großgezogen und mit einer ausführlichen Bedienungsanleitung an sie weitergereicht hatte, in der es keinen Punkt über Liebe gab, sondern nur Pflichten.
Natalja erstarrte für einen Augenblick.
Die alte Gewohnheit — sich zusammenzuziehen, Angst zu bekommen, Ausreden zu suchen, sich zu entschuldigen — stach mit eisiger Nadel in ihr Herz.
Ihre Hand wollte den Anruf schon wegdrücken.
Doch dann sah sie auf die leere Flasche, auf den blitzsauberen Boden, den sie gerade erst von den Spuren ihrer Ehe gereinigt hatte, und nahm das Gespräch an.
Lautsprecher.
— Natalja! — kreischte die Stimme der Schwiegermutter so laut, dass der Handylautsprecher schmerzhaft krächzte.
— Was ist da los?!
Sergej ist in einem Socken und in einem schmutzigen Mantel bei mir angekommen!
Er zittert am ganzen Körper!
Er sagt, du seist verrückt geworden und hättest mit einem Messer auf ihn losgegangen!
Was erlaubst du dir eigentlich?
Er ist der Ernährer!
Er ist das Oberhaupt der Familie!
Begreifst du überhaupt, was du getan hast?
Er hat hohen Blutdruck!
Natalja nahm einen langsamen Schluck Wein, ließ ihn auf der Zunge kreisen und genoss das Bouquet.
— Ljudmila Petrowna, — unterbrach sie den Strom der Entrüstung.
Ihre Stimme klang ruhig, beinahe träge, was furchterregender war als jeder Schrei.
— Ich gratuliere Ihnen.
Ihr wertvoller Preis wurde Ihnen zurückgegeben.
Ganz und, fast, unversehrt.
— Was?
Bist du betrunken? — schnappte die Stimme nach Luft vor Empörung.
— Entschuldige dich sofort bei ihm!
Sofort!
Zieh dich jetzt an, ruf dir ein Taxi und hol ihn ab!
Bring ihm saubere Sachen, den Anzug für morgen, geschniegelt und gebügelt!
Und bitte um Verzeihung, hörst du?
Vielleicht verzeiht er dir, wenn du…
— Nein, — Natalja lächelte, während sie ihr Spiegelbild im dunklen Fenster betrachtete.
— Das Restaurant ist geschlossen, Ljudmila Petrowna.
Die Wäscherei auch.
Und der Rund-um-die-Uhr-Psychologiedienst für Ihren Jungen hat geschlossen gekündigt.
Soll Ihr Sohn doch Ihre Frikadellen essen.
Und richten Sie ihm aus: Wenn er noch einmal ohne Scheidungspapiere auf meiner Schwelle erscheint, dann werfe ich ihn noch einmal die Treppe runter.
Dann aber vom fünften Stock und nicht vom dritten.
— Wie kannst du es wagen…
Du… — setzte die Schwiegermutter an, doch Natalja drückte auf den roten Auflegen-Kreis.
Nach kurzem Zögern ging sie in die Einstellungen und blockierte die Nummer ihrer Schwiegermutter.
Dann fand sie Sergejs Kontakt, der als „Liebling“ gespeichert war, benannte ihn in „Ex“ um und setzte ihn gleich mit auf die schwarze Liste.
In der Wohnung wurde es still.
Wirklich still.
Jene Hintergrundspannung war verschwunden, die jahrelang wie eine statische Aufladung vor einem Gewitter in der Luft gehangen hatte.
Natalja stand auf, streckte sich, bis es in den Gelenken knackte, und ging ins Bad.
Lange stand sie unter der heißen Dusche und wusch diesen endlosen Abend von sich ab.
Das Wasser nahm den Küchengeruch, die Klebrigkeit fremder Worte und die Schwere der gelebten Jahre mit.
Sie rieb sich mit einem rauen Schwamm die Haut bis zur Röte, als wolle sie die alte Hülle abstreifen, wie eine Schlange ihre zu eng gewordene Haut abwirft.
Als sie aus der Dusche trat, heiß gedämpft und sauber, zog sie nicht den gewohnten ausgewaschenen Pyjama mit den Bären an, in dem es „nicht schade ist, Frikadellen zu braten“.
Sie holte aus der Tiefe des Schranks einen seidenen Morgenmantel in der Farbe des Nachthimmels hervor, den ihre Freundinnen ihr vor Ewigkeiten zu irgendeinem Jubiläum geschenkt hatten und den sie nie getragen hatte, weil er „zu schick für zu Hause“ war.
Der Mantel glitt kühl über ihre Haut und erinnerte an eine Umarmung.
Sie ging ins Schlafzimmer.
Das riesige Doppelbett, in dem sie sich sonst immer an den äußersten Rand drückte, aus Angst, den empfindlichen Schlaf ihres Mannes zu stören — er hasste es, wenn die Decke verzogen war, wenn das Kissen nicht richtig lag, wenn sie sich im Schlaf hin und her wälzte — erschien ihr nun wie ein grenzenloses Rollfeld.
Natalja trat ans Fenster.
Unten im Hof ging das gewöhnliche Leben weiter.
Autos parkten ein, Scheinwerfer rissen einen Fliederbusch aus der Dunkelheit, jemand führte einen Hund aus, in den Fenstern der Nachbarhäuser flackerte Licht.
Die Welt war nicht zusammengebrochen.
Die Erde hatte sich nicht aufgetan.
Im Gegenteil, die Luft, die durch den Spalt des geöffneten Fensters hereinsickerte, schien unglaublich frisch und köstlich.
Sie roch nach nassem Asphalt und irgendwie nach Freiheit.
Natürlich würde morgen schwer werden.
Die Realität würde nicht verschwinden.
Morgen würde sie einen Handwerker suchen müssen, um die Schlösser auszutauschen, Gemeinheiten von gemeinsamen Bekannten anhören müssen, die Sergej sicher längst anrief, Eigentum teilen, einen Anwalt finden.
Sergej würde nicht so einfach aufgeben, er war kleinlich und nachtragend, er würde um jede Gabel und jeden Cent kämpfen, um zu beweisen, dass sie ohne ihn nichts sei.
Aber das würde morgen sein.
Sie würde die Kraft finden.
Jetzt wusste sie es ganz genau — sie würde sie finden.
Und heute legte sie sich mitten aufs Bett.
Sie breitete Arme und Beine wie ein Stern aus und nahm den ganzen Platz ein.
Niemand würde sie mit dem Ellbogen stoßen.
Niemand würde missmutig sagen: „Schnauf nicht so.“
Niemand würde mitten in der Nacht ein Glas Wasser verlangen.
Sie schloss die Augen und lächelte zum ersten Mal seit fünf Jahren vor dem Einschlafen mit einem echten, leichten Lächeln.
In ihrem Kopf kreiste keine endlose To-do-Liste mehr: „Bohnen einweichen“, „Hemd bügeln“, „seinen Lieblingstopfenquark kaufen“.
In ihrem Kopf war klingende, kristallene Leere, die sie nun mit allem füllen konnte, was sie selbst wollte.
— Rosmarin, — flüsterte sie in die Dunkelheit und kostete das Wort auf der Zunge aus.
— Es ist einfach nur Rosmarin.
Und er riecht wunderbar.
Eine Minute später wurde Nataljas Atem ruhig und gleichmäßig.
Sie glitt in einen tiefen, friedlichen Schlaf — den Schlaf eines freien Menschen, der noch ein ganzes Leben vor sich hatte.
Und dieses Leben, das spürte sie, würde sehr köstlich werden.







