Entweder lebt Mama bei uns, oder ich gehe selbst zu ihr — für immer!

LEBENSGESCHICHTEN

Mein Mann packte seine Sachen so schnell, dass ich nicht einmal Zeit hatte, etwas vom Taxi zu sagen.Լուսանկարի նկարագրությունը հասանելի չէ:

— Sag mal, bist du überhaupt normal? — Kirill stand mitten im Wohnzimmer, und in seiner Stimme lag etwas, wodurch Sonja sofort verstand: Dieses Gespräch würde nicht kurz werden.

— Ich sage es dir auf gut Deutsch: Entweder zieht Mama zu uns, oder ich gehe selbst zu ihr.

Für immer.

Sonja senkte langsam die Zeitschrift, in der sie seit einer halben Stunde geblättert hatte, ohne ein einziges Wort zu lesen.

Sie sah ihren Mann an.

Seinen geraden Rücken, die zusammengepressten Kiefer, diesen vertrauten Blick von unten herauf — den Blick eines Menschen, der bereits alles entschieden hat, aber so tut, als würde er noch diskutieren.

— Kirill, — sagte sie ruhig, — darüber haben wir schon gesprochen.

— Nicht genug.

Er ging zum Fenster.

Hinter der Scheibe lag der städtische Abend, Laternen, die Silhouetten irgendwelcher Menschen auf dem Bürgersteig.

Ein ganz gewöhnlicher Aprilabend, völlig unpassend für das, was hier gerade geschah.

Sonja kannte dieses Thema auswendig.

Valentina Sergejewna — ihre Schwiegermutter — rief ihren Sohn jeden Tag an.

Manchmal zweimal.

Ihre Stimme war immer gleich: leicht brüchig, leicht leidend, mit einer besonderen Betonung auf dem Wort „allein“.

Kirjuscha, mir geht es so schlecht allein.

Kirjuscha, mir ist so langweilig.

Komm wenigstens für ein Stündchen vorbei.

Oder besser — hol mich zu dir, ich bin doch keine Fremde.

Keine Fremde.

Das war ihr Lieblingswort.

Sonja hatte sie vor drei Wochen gesehen — an Kirills Geburtstag.

Valentina Sergejewna war mit einer Torte erschienen, die sie natürlich nicht selbst gebacken hatte.

Sie hatte sie in der Konditorei an der Puschkinskaja gekauft, Sonja hatte die Schachtel erkannt.

Dafür erzählte sie allen, wie „viel Kraft sie hineingesteckt“ habe.

Sie saß am Kopfende des Tisches — obwohl niemand sie dorthin gesetzt hatte, es hatte sich einfach so ergeben — und redete und redete.

Über Krankheiten.

Über Nachbarn.

Darüber, wie einsam sie sei.

Ihr lockiges rotes Haar — natürlich gefärbt, mit zweiundsechzig Jahren — war anspruchsvoll frisiert, und das Lächeln verschwand nicht aus ihrem Gesicht.

Genau dieses Lächeln, bei dem Sonja sich immer ein wenig unwohl fühlte.

Zu breit.

Zu dauerhaft.

Wie angeklebt.

— Sie ist eine ältere Frau, — sagte Kirill, ohne sich vom Fenster abzuwenden.

— Sie braucht Hilfe.

— Sie ist zweiundsechzig, Kirill.

Sie ist gesund.

— Du weißt nicht, was sie fühlt.

— Ich weiß, was sie sagt.

Das sind verschiedene Dinge.

Endlich drehte er sich um.

In seinen Augen lag Gereiztheit, aber auch noch etwas anderes.

Etwas Kindliches, Gekränktes.

Kirill war sechsunddreißig Jahre alt, leitete eine Abteilung in einer Baufirma, konnte mit Auftragnehmern verhandeln und verstand sich auf Kostenvoranschläge.

Aber sobald es um seine Mutter ging, schaltete etwas in ihm um.

Er wurde ein anderer.

Der Junge, dem Mama erklärt hatte, dass die ganze Welt gegen sie beide sei und dass sie nur einander hätten.

— Also bist du dagegen, — sagte er.

Er fragte nicht.

Er stellte es fest.

— Ich bin nicht dagegen, mich um deine Mutter zu kümmern.

Ich bin dagegen, dass sie in unserer Wohnung lebt.

— Wo ist der Unterschied?

Sonja stand auf.

Sie ging zum Bücherregal und rückte irgendein Buch zurecht — nur, um nicht reglos stehen zu bleiben.

— Der Unterschied ist, — sagte sie, — dass ich seit drei Jahren mit deinen abendlichen Telefonaten mit ihr lebe.

Mit Wochenenden, die wir bei ihr verbringen.

Mit der Tatsache, dass jeder Urlaub zuerst mit der Frage beginnt, ob wir überhaupt wegfahren können, weil es „Mama schlecht geht“.

Wenn sie hier einzieht, Kirill, dann wird das nicht mehr unsere Wohnung sein.

— Du übertreibst.

— Nein.

Sie sahen einander an.

In solchen Momenten dachte Sonja: Wie funktioniert das überhaupt?

Da steht ein Mensch, mit dem du das Bett teilst, das Frühstück, Versicherungen, Pläne für den Sommer.

Und gleichzeitig ist er dir völlig fremd.

Als läge Glas zwischen euch.

Kirill wandte als Erster den Blick ab.

— Ich gehe meine Sachen packen, — sagte er.

Sonja antwortete nicht.

Sie hatte nicht gedacht, dass er das so schnell sagen würde.

Sie hatte nicht gedacht, dass er es ernst meinte.

Aber er drehte sich um und ging ins Schlafzimmer, und nach ein paar Minuten waren von dort Geräusche zu hören: Schubladen wurden herausgezogen, eine Tüte raschelte, etwas fiel auf den Boden.

Sie stand im Wohnzimmer und hörte zu.

Dann nahm sie ihr Telefon.

Sie öffnete die Taxi-App und bestellte ein Auto.

Zieladresse — Lesnaja-Straße, Haus acht.

Dort wohnte Valentina Sergejewna.

Das Auto würde in sieben Minuten da sein.

Sonja steckte das Telefon in die Tasche und ging in die Küche, um den Wasserkocher aufzusetzen.

Kirill kam mit einer großen Tasche über der Schulter und einem Rucksack in der Hand aus dem Schlafzimmer.

Schnell — sie hatte es nicht einmal erwartet.

Als wäre er schon lange bereit gewesen.

Oder als hätte er es schon lange geprobt.

Er ging an der Küche vorbei in den Flur.

Schlüssel klirrten.

— Ich gehe, — sagte er, ohne hereinzukommen.

— Ich höre es, — antwortete Sonja.

Eine Pause.

— Willst du nichts sagen?

Sie kam aus der Küche und blieb in der Tür stehen.

Sie sah ihn an — mit der Tasche, mit dem Rucksack, in der Jacke, die schon zugeknöpft war.

Auf seinem Gesicht lag eine Mischung aus Entschlossenheit und Verwirrung.

Er wartete darauf, dass sie ihm nachlaufen würde.

Dass sie anfangen würde, ihn zu überreden.

Dass sie weinen würde.

— Doch, — sagte sie.

— Das Taxi ist schon unterwegs.

In ungefähr drei Minuten ist es unten vor dem Eingang.

Ich habe es zur Lesnaja bestellt.

Kirill erstarrte.

— Was?

— Das Auto ist schon unterwegs, Kirill.

Komm nicht zu spät.

Er sah sie an, als hätte sie etwas in einer fremden Sprache gesagt.

Dann stellte er langsam die Tasche auf den Boden.

— Du… hast mir ein Taxi bestellt?

— Wem denn sonst, mir etwa?

Im Flur war es still.

Im Wohnzimmer tickte die Uhr — die alte Wanduhr, die sie im ersten Jahr ihres gemeinsamen Lebens auf einem Flohmarkt gekauft hatten.

Damals hatte Sonja noch gelacht, dass sie drei Minuten nachging.

Und Kirill hatte geantwortet: Hauptsache, sie läuft.

— Du meinst das ernst, — sagte er.

Jetzt war es schon eine Frage.

— Absolut.

Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.

Sonja konnte nicht genau sagen, was es war.

Die Verwirrung wurde anders.

Tiefer irgendwie.

Als wäre er eine vertraute Straße entlanggegangen und hätte plötzlich festgestellt, dass die Straße zu Ende war.

Das Telefon in ihrer Tasche vibrierte.

Sonja zog es heraus und sah nach.

— Der Fahrer schreibt, dass er am zweiten Eingang steht.

Sag ihm, es ist der erste.

Kirill bewegte sich nicht.

Draußen, irgendwo unten, hupte kurz ein Auto.

Kirill stand noch etwa dreißig Sekunden im Flur.

Dann hob er die Tasche hoch, warf sich den Rucksack über die Schulter und ging hinaus, ohne noch ein Wort zu sagen.

Die Tür fiel ins Schloss — sie knallte nicht, und das war fast verletzender, als wenn sie geknallt hätte.

Sonja wartete, bis die Schritte im Treppenhaus verklungen waren.

Dann ging sie ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und starrte an die Wand.

Die Uhr tickte.

Drei Minuten Verspätung.

Alles wie immer.

Sie weinte nicht.

Seltsam, aber sie weinte nicht.

In ihr war etwas, das einer klingenden Leere ähnelte — es tat nicht weh, aber gut war es auch nicht.

Wie nachdem man die Faust lange geballt hat und sie dann öffnet: Die Hand ist frei, aber sie versteht noch nicht, was sie damit anfangen soll.

Das Telefon lag neben ihr auf dem Tischchen.

Sonja nahm es, öffnete den Chat mit Kirill.

Seine letzte Nachricht war zwei Tage alt: Ich kaufe Brot.

Sie legte das Telefon weg.

Am Morgen wachte sie um fünf Uhr auf.

Sie lag noch eine Weile in der Dunkelheit und lauschte der Stadt vor dem Fenster — vereinzelten Autos, irgendwelchen Stimmen im Hof, einer Taube auf dem Fenstersims.

Dann stand sie auf, kochte Kaffee und setzte sich damit an den Küchentisch.

Es war unerwartet still.

Angenehm still.

Kirill nahm viel akustischen Raum ein — sie hatte es nicht bemerkt, solange er da gewesen war.

Der Fernseher, den er immer im Hintergrund laufen ließ.

Die Telefongespräche mit seiner Mutter am Abend, die vierzig Minuten dauerten.

Seine Angewohnheit, alles Mögliche laut zu kommentieren — Nachrichten, Nachbarn, Preise im Laden.

Sonja trank ihren Kaffee aus und fuhr zur Arbeit.

Sie unterrichtete Kunstgeschichte an einem Institut — klein, privat, aber ordentlich.

Heute hielt sie eine Vorlesung über die niederländische Malerei des siebzehnten Jahrhunderts.

Die Studenten hörten wie immer nur mit halbem Ohr zu.

Aber ein Mädchen in der ersten Reihe — Dascha, glaube ich — sah sie mit so lebhaftem Interesse an, dass Sonja unwillkürlich gerade für sie sprach.

Nach der Vorlesung kam ihre Kollegin Irina vorbei — fünfzig Jahre alt, praktisch, mit kurzem Haarschnitt und der Angewohnheit, direkt zu sprechen.

— Du siehst aus wie ein Mensch, der schlecht geschlafen hat, aber mit dieser Tatsache zufrieden ist, — sagte sie und setzte sich auf die Tischkante.

— Ungefähr so ist es auch.

Sonja erzählte es.

Kurz, ohne überflüssige Details.

Irina hörte zu, ohne sie zu unterbrechen, und nickte dann.

— Und was jetzt?

— Ich weiß es nicht, — sagte Sonja ehrlich.

— Wir werden sehen.

Kirill rief am dritten Tag an.

Sonja sah den Anruf, wartete eine Sekunde und nahm ab.

— Na, wie geht es dir dort? — fragte er.

In seiner Stimme lag der Versuch von Lässigkeit, hinter dem sich etwas ganz anderes verbarg.

— Normal.

Und dir?

— Auch.

Eine Pause.

— Bei Mama ist es gut.

— Freut mich zu hören.

Noch eine Pause.

Eine längere.

— Hör mal, — sagte er schließlich, — hast du nicht gedacht, dass wir vielleicht… reden könnten?

— Wir können reden, — stimmte Sonja zu.

— Sag nur zuerst: Hast du Mama schon erklärt, dass du für immer gekommen bist?

Hat sie schon angefangen, deinen Schrank zu übernehmen?

Kirill schwieg.

— Sie freut sich, dass ich gekommen bin, — sagte er vorsichtig.

— Natürlich freut sie sich.

Sonja konnte sich dieses Bild ohne besondere Mühe vorstellen.

Valentina Sergejewna im Morgenmantel, mit einer Tasse Tee, mit diesem angeklebten Lächeln — und mit dem Ausdruck eines Menschen, der genau das bekommen hat, was er wollte.

Der Sohn ist zu Hause.

Alles nach Plan.

— Sonja, warum bist du denn so…

— Wie so?

— Kalt.

Sie sah aus dem Fenster.

Im Hof jagten Kinder einem Ball hinterher, jemand führte einen Hund aus.

— Kirill, ich bin nicht kalt.

Ich warte nur darauf, dass du selbst etwas Wichtiges begreifst.

— Was genau?

— Wenn du es begreifst, erzählst du es mir, — sagte sie und verabschiedete sich.

Am nächsten Tag rief Valentina Sergejewna sie an.

Damit hatte Sonja ehrlich gesagt nicht gerechnet.

Genauer gesagt — sie hatte damit gerechnet, aber nicht so schnell.

— Sonetschka, — begann die Schwiegermutter mit der Stimme eines Menschen, dem alles weh tut, der sich aber tapfer hält.

— Es ist mir unangenehm, mich in eure Angelegenheiten einzumischen…

Natürlich ist es dir unangenehm, dachte Sonja.

— …aber ich möchte, dass ihr euch versöhnt.

Ich will nicht der Grund für eure Probleme sein.

— Valentina Sergejewna, — sagte Sonja, — Sie haben mich selbst angerufen.

Genau das ist Einmischung.

Eine sekundenlange Pause — ganz kurz, aber Sonja bemerkte sie.

Die Schwiegermutter hatte eine solche Antwort nicht erwartet.

Normalerweise schwieg Sonja oder sagte etwas Ausweichendes.

— Ich möchte nur, dass in der Familie Frieden herrscht, — sagte Valentina Sergejewna nun schon in einem etwas anderen Ton.

Etwas weniger leidend.

— Frieden in der Familie ist gut, — stimmte Sonja zu.

— Erzählen Sie das Kirill.

Er hat Zeit, er wohnt jetzt bei Ihnen.

Sie legte auf.

Ihre Hände zitterten nicht.

Es war unerwartet angenehm zu entdecken, dass sie nicht zitterten.

Am Abend räumte sie den Schrank im Schlafzimmer aus.

Das hatte sie schon lange vorgehabt — dort hatte sich etwas völlig Unvorstellbares angesammelt: alte Pullover, irgendwelche Schachteln, Ladegeräte von Telefonen, die es längst nicht mehr gab.

Sie legte alles aufs Bett, sortierte es und packte es in Tüten für wohltätige Zwecke.

Ganz unten auf dem unteren Regal fand sie Kirills alten Kapuzenpullover — grau, weich, an den Ellbogen ausgeleiert.

Er hatte ihn geliebt, aber schon lange nicht mehr getragen.

Sonja hielt ihn in den Händen.

Dann legte sie ihn beiseite.

Gegen zehn Uhr abends kam eine Nachricht — nicht von Kirill.

Von einer unbekannten Nummer.

Guten Abend.

Sind Sie zufällig Sonja Larina?

Wir sind zusammen zur Schule gegangen.

Mein Name ist Pawel Dorochow.

Sonja las die Nachricht zweimal.

Pawel Dorochow.

Sie erinnerte sich an diesen Namen — verschwommen, wie man sich an etwas aus sehr ferner Vergangenheit erinnert.

Groß, still, saß im Physikunterricht am Fenster.

Dann war er irgendwohin verschwunden — wohl mit seinen Eltern weggezogen.

Sie legte das Telefon weg, ohne zu antworten.

Aber aus irgendeinem Grund lächelte sie.

Draußen wurde die Stadt allmählich still.

Sonja band die Tüten zu, stellte sie an die Tür und machte im Schlafzimmer das Licht aus.

Kirills Kapuzenpullover blieb auf dem Stuhl liegen — sie hatte immer noch nicht entschieden, was sie damit tun sollte.

Manche Entscheidungen trifft man nicht an einem einzigen Abend.

Das wusste sie ganz genau.

Pawel antwortete sie am nächsten Tag — morgens beim Kaffee, fast ohne nachzudenken.

Ja, ich bin es.

Hallo.

Drei Worte.

Nichts Besonderes.

Aber danach legte sie das Telefon mit dem Bildschirm nach unten hin — als hätte sie etwas versteckt.

Pawel antwortete schnell.

Er schrieb, dass er als Architekt arbeite, seit zwei Jahren wieder in derselben Stadt lebe und zufällig auf ihre Seite gestoßen sei — ein gemeinsamer Bekannter habe etwas repostet.

Er schrieb kurz, ohne Überflüssiges.

Er fragte, wie es ihr gehe.

Sonja sah auf den Bildschirm und dachte: Was für eine seltsame Sache das Leben doch ist.

Der Ehemann ist vor drei Tagen gegangen, und da erscheint ein Mensch aus der Schulzeit und fragt, wie es dir geht — in einem Ton, als hätten sie sich gestern getrennt.

Normal, — schrieb sie.

Alles verändert sich.

Kirill kam am Samstag — ohne Vorwarnung.

Er klingelte an der Gegensprechanlage, Sonja öffnete, ohne zu fragen.

Er kam hoch, blieb in der Tür stehen — ohne Tasche, ohne Rucksack, in derselben Jacke.

— Darf ich reinkommen?

— Komm rein.

Er ging in den Flur und sah sich um — als würde er prüfen, ob sich etwas verändert hatte.

Nichts hatte sich verändert.

Dieselben Regale, dieselben Schuhe an der Wand, derselbe Teppich.

Sie gingen in die Küche.

Sonja stellte den Wasserkocher an — nur, um etwas mit den Händen zu tun.

— Mama… — begann Kirill und verstummte.

— Was ist mit Mama?

Er setzte sich an den Tisch und rieb sich mit den Händen über das Gesicht.

Er sah müde aus.

Wirklich müde — nicht theatralisch, sondern so, wie ein Mensch aussieht, der mehrere Nächte schlecht geschlafen hat.

— Schon am dritten Tag fing sie an, mir zu erklären, wie man Sachen richtig zusammenlegt, — sagte er.

— Dann hat sie meine Bücher umgestellt.

Dann bat sie mich, die Tür zum Zimmer nicht zu schließen, weil es ihr „unbehaglich ist, wenn sie geschlossen ist“.

Sonja antwortete nicht.

Sie goss kochendes Wasser in die Tassen.

— Ich verstehe, was du jetzt denkst, — sagte Kirill.

— Wohl kaum, — sagte sie ruhig.

— Dass ich selbst schuld bin.

— Ich denke daran, dass das seit drei Tagen passiert, Kirill.

Drei Tage.

Und ich habe drei Jahre damit gelebt — nur auf Distanz.

Stell dir vor, was gewesen wäre, wenn sie hier eingezogen wäre.

Er schwieg.

Der Tee stand zwischen ihnen — heiß, unberührt.

— Hat sie dich angerufen? — fragte er schließlich.

— Ja.

— Was hat sie gesagt?

— Dass sie Frieden in der Familie will und dass es ihr unangenehm ist, sich einzumischen.

Kirill grinste kurz — ohne Freude.

— Klingt vertraut.

— Ich weiß.

Sie schwiegen.

Draußen versuchte jemand im Hof, ein Auto zu starten — lange, stur, der Motor wollte einfach nicht anspringen.

— Sonja, — sagte er, — ich weiß nicht, wie ich das in Ordnung bringen soll.

Ehrlich.

Ich verstehe, dass sie… dass es mit ihr nicht immer leicht ist.

Aber sie ist doch meine Mutter.

Ich kann doch nicht einfach…

— Niemand sagt „einfach“, — unterbrach Sonja ihn.

— Niemand sagt, dass du sie verlassen oder vergessen sollst.

Aber du hast jedes Mal sie gewählt.

Nicht uns — sie.

Und du hast es so getan, als wäre es überhaupt keine Wahl, als müsse es eben so sein.

Kirill sah auf den Tisch.

— Ich habe es nicht bemerkt.

— Ich weiß, dass du es nicht bemerkt hast.

Genau das ist das Problem.

Er ging nach einer Stunde.

Sie versöhnten sich nicht — aber sie stritten auch nicht.

Sie redeten einfach.

Vielleicht zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich.

Auf der Treppe drehte er sich um.

— Darf ich noch einmal kommen?

— Du darfst, — sagte Sonja.

Mit Pawel traf sie sich am Mittwoch — zufällig und gleichzeitig nicht zufällig.

Er schrieb, dass er beruflich in ihrer Gegend sei, und fragte, ob sie einen Kaffee trinken wolle.

Sonja dachte eine Sekunde nach und sagte zu.

Das Café war klein, im Erdgeschoss eines alten Hauses — mit Holzstühlen und einer Speisekarte, die mit Kreide auf eine Tafel geschrieben war.

Pawel war genau so, wie sie ihn vage in Erinnerung hatte: groß, leise, mit einer Art zuzuhören, die aufmerksam war — nicht zum Schein, sondern wirklich.

Sie redeten zwei Stunden.

An die Schule erinnerten sie sich vielleicht zehn Minuten lang, nicht länger.

Der Rest drehte sich um die Arbeit, die Stadt und darum, wie sich alles um einen herum schneller verändert, als man sich daran gewöhnen kann.

Er fragte nicht nach ihrem Mann.

Sie erzählte nichts.

Als sie hinausgingen, sagte er:

— Ich bin froh, dass du damals geantwortet hast.

— Ich auch, — sagte Sonja.

Und das war die Wahrheit.

Valentina Sergejewna rief noch einmal an — eine Woche nach dem ersten Anruf.

Diesmal war ihre Stimme anders.

Nicht leidend — hart, und sie verbarg diese Härte kaum.

— Ich will, dass du weißt, — sagte sie, — Kirill wird nach Hause zurückkehren.

Zu mir.

Er ist immer zurückgekehrt.

Sonja hörte schweigend zu.

— Du denkst, du bist klug, — fuhr Valentina Sergejewna fort.

— Aber solche wie dich habe ich schon gesehen.

Sie kommen und gehen.

Aber ich bleibe.

— Valentina Sergejewna, — sagte Sonja, — Sie haben recht.

Sie bleiben.

Das ist Ihre Wahl und Ihr Leben.

Aber Kirill ist ein erwachsener Mensch.

Und seine Wahl ist ebenfalls seine.

Eine kurze Pause.

— Wir werden sehen, — sagte die Schwiegermutter und legte auf.

Sonja legte das Telefon auf den Tisch und sah es lange an.

Etwas an diesem Gespräch hatte sie beunruhigt — nicht einmal die Worte, sondern der Tonfall.

Zu selbstsicher für einen Menschen, dessen Sohn zu seiner Frau gefahren war, um zu reden.

Zu ruhig.

Valentina Sergejewna wusste etwas.

Oder bereitete etwas vor.

Die Antwort kam zwei Tage später — von völlig unerwarteter Seite.

Larissa rief an — die Nachbarin von unten, eine stille Frau von etwa fünfundfünfzig Jahren, der Sonja gelegentlich am Aufzug begegnete.

— Sonja, ich wollte mich nicht einmischen, — sagte sie, — aber ich finde, Sie sollten es wissen.

Gestern war eine Frau bei mir.

Kräftig, rothaarig, sehr… aktiv.

Sie stellte sich als Mutter Ihres Mannes vor.

Sie fragte nach Ihnen.

Wie Sie leben, ob Sie oft allein zu Hause sind, ob Sie… Besuch haben.

Sonja spürte, wie in ihrem Inneren etwas kalt und klar an seinen Platz rückte.

— Danke, Larissa, — sagte sie.

— Ich bin froh, dass Sie angerufen haben.

Also so war das.

Also nicht nur Anrufe und eine leidende Stimme.

Valentina Sergejewna arbeitete umfassender — sammelte Informationen, baute etwas auf.

Wozu?

Um es Kirill vorzulegen?

Um mit seinen Zweifeln zu spielen?

Sonja ging ins Wohnzimmer und setzte sich in den Sessel am Fenster.

Die Stadt lebte ihr eigenes Leben — Straßenbahn, Stimmen, Musik aus irgendeinem Auto.

Ein gewöhnlicher Tag, an dem etwas ganz und gar Ungewöhnliches geschah.

Sie nahm das Telefon und schrieb Kirill: Wir müssen reden.

Heute.

Es ist wichtig.

Er antwortete nach einer Minute: Ich komme.

Sonja legte das Telefon weg und sah auf Kirills Kapuzenpullover — er lag immer noch auf dem Stuhl an der Wand.

Grau, weich, mit ausgeleierten Ellbogen.

Manche Dinge warten.

Manche Menschen auch.

Die Frage ist nur, worauf genau sie warten.

Kirill kam vierzig Minuten später.

Sonja erzählte alles — kurz, ohne überflüssige Worte.

Von Larissas Anruf.

Von dem Besuch.

Von den Fragen, die seine Mutter der Nachbarin gestellt hatte.

Er hörte schweigend zu.

Sein Gesicht wurde immer schwerer — nicht vor Wut, sondern wegen etwas anderem.

Wegen eines Verständnisses, das spät kommt und deshalb besonders unbequem ist.

— Sie hat mir nicht gesagt, dass sie hierhergefahren ist, — sagte er schließlich.

— Ich weiß.

— Warum tut sie so etwas…

— Kirill.

Sonja sah ihn direkt an.

— Verstehst du es wirklich nicht?

Er antwortete nicht.

Aber an seinem Gesicht war zu sehen — er verstand es.

Sie schwiegen.

Dann stand er auf und ging zum Fenster — zu genau demselben Fenster, an dem er an jenem Abend gestanden hatte, als alles begonnen hatte.

Er stand eine Weile dort.

Dann drehte er sich um.

— Ich rufe sie an, — sagte er.

— Jetzt.

— Warte, — hielt Sonja ihn auf.

— Nicht jetzt.

Denk zuerst darüber nach, was du sagen willst.

Nicht darüber, was man sagen muss — sondern darüber, was du selbst willst.

Kirill sah sie an.

— Du sprichst zum ersten Mal so.

— Du bist zum ersten Mal bereit zuzuhören.

Er lächelte leicht — kaum merklich, nur mit einem Mundwinkel.

Sonja erinnerte sich plötzlich daran, wie er am Anfang gelächelt hatte — leicht, ohne Anstrengung.

Wohin das verschwunden war und wann genau, hätte sie nicht sagen können.

— Ich hole meine Sachen, — sagte er leise.

— Wenn du nichts dagegen hast.

— Ich habe nichts dagegen.

Er ging ins Schlafzimmer.

Sonja blieb im Wohnzimmer und hörte, wie der Schrank geöffnet wurde, wie Schubladen bewegt wurden.

Vertraute Geräusche.

Fast häuslich.

Nach einiger Zeit kam er mit einem Rucksack zurück.

Er sah den Kapuzenpullover auf dem Stuhl, nahm ihn und drehte ihn in den Händen.

— Ich dachte, du hättest ihn weggeworfen.

— Ich bin nicht dazu gekommen, — sagte Sonja.

Er steckte den Kapuzenpullover in den Rucksack.

Dann zog er den Reißverschluss zu.

Er blieb an der Tür stehen.

— Sonja.

Ich verspreche nicht, dass ich sofort alles verstehe.

Aber ich werde es versuchen.

— Ich weiß, — sagte sie.

— Geh.

Die Tür schloss sich — leise, ohne überflüssigen Lärm.

Sonja kehrte in den Sessel am Fenster zurück.

Hinter der Scheibe veränderte sich die Stadt nicht — Straßenbahn, Stimmen, Musik von irgendwoher.

Aber in ihr selbst rückte endlich etwas an seinen Platz.

Kein Glück — nein.

Nur Klarheit.

Ruhig, fest, ihre eigene.

Das Telefon lag neben ihr.

Eine neue Nachricht — von Pawel: Wie geht es dir?

Sonja lächelte.

Sie schrieb zurück: Besser.

Ich erzähle es dir beim Treffen.

Sie legte das Telefon beiseite und sah aus dem Fenster.

Das Leben ging weiter.

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